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FUNDAMENTALISMUS - PSYCHOKULT ODER DIENST-LEISTUNG? DER ORT VON RELIGIONEN IN DER WELTGESELLSCHAFT. VERSUCH EINER ANTWORT AUF EINE SOZIOLOGISCHE THESE von Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh

Neben vielem anderen hat der 11. September 2001 eine Revision der öffentlichen Wahrnehmung von Religion zur Folge gehabt. Die weithin akzeptierte Vorstellung vom allmählichen und gleichsam natürlichen Verschwinden der Religion in der modernen, aufgeklärten Gesellschaft ist fraglich geworden. Studierte, wohlhabende Angehörige der Mittel- und Oberschicht erweisen sich als religiöse Fundamentalisten, nicht nur in islamischen Ländern, auch in Asien, Amerika und Europa. Wie ist das möglich?

Der Bamberger Soziologie-Professor Richard Münch hat 1998 in seinem Buch „Globale Dynamik, lokale Lebenswelten“ (Frankfurt am Main 1998) drei Wege unterschieden, die Religionen in der Weltgesellschaft gehen können und die sich gegenwärtig als wirksame Strategien auf dem globalen Markt der Religionen, auf dem prinzipiell alle Religionsgemeinschaften für alle Menschen präsent und zugänglich sind, erweisen.

1.| Religionsgemeinschaften formen sich um zu Dienstleistungseinrichtungen für individuelle Lebenshilfe zur besseren Bewältigung der Herausforderungen des modernen Lebens. - Warum sind Menschen in der Bundesrepublik Mitglied ihrer Kirche? Weil sie ihr Kind taufen lassen und beerdigt werden wollen. Weil sie Unterstützung und Trost in den Wechselfällen des Lebens brauchen. Der Pfarrer soll kommen, wenn die Großmutter pflegebedürftig ist; die Pfarrerin ist diejenige, die mit dem jungen Mann über das Sterben spricht, der an Leukämie erkrankt ist. Nach dem Unfall brauchen wir nicht nur Rettungsdienste, sondern auch Notfallseelsorger, einen Pfarrer, eine Pfarrerin, die den Angehörigen die Todesnachricht überbringt, die bei ihnen bleibt, die aber auch den Rettungskräften hilft, an dem Schrecken nicht zu zerbrechen. Trost im Leid, Vergewisserung an den wichtigen Übergängen im Leben, Rechtfertigung von Lebensgeschichten, das sind Aufgaben, der sich eine Religionsgemeinschaft als Dienstleistungseinrichtung in unserer Gesellschaft stellen muss und die von den Mitgliedern nachgefragt werden.

Andererseits ist klar: Die Religionen sehen sich selbst durch die Kennzeichnung „Dienstleistungsunternehmen“ nicht hinreichend beschrieben. Religiöse Praxis ist keine Leistung für Geld. Ihr geht es um mehr als um individuelle Nachfrage; sie erhebt Anspruch auf den ganzen Menschen, will nicht nur diejenigen ansprechen, denen es schlecht geht, die alt sind oder auf eine andere Art und Weise aus der normalen und erfolgsorientierten Lebensweise herausfallen. Religionen wollen nicht (nur) Bedürfnisse befriedigen; sie haben eigene Ziele, eine eigene Botschaft, Vorstellungen über eine ihrem Inhalt entsprechende Gestalt.

2.| Religionsgemeinschaften ziehen sich aus der Öffentlichkeit der Gesellschaft zurück und konzentrieren sich auf die individuelle Selbstfindung. Sie gehen den Weg eines Psychokultes. Dieser zweite Weg, den Münch aufzeigt, spielt in den westlichen Gesellschaften schon lange eine große Rolle und gewinnt in Osteuropa und Russland, in Lateinamerika und Afrika zunehmend an Bedeutung. Menschen, die sich in schwierigen psychischen oder sozialen Situationen befinden, suchen Kraft, Halt und neue Orientierung und finden sie in einem Psychokult. Im positiven Fall lernen sie neu auf sich, ihren Körper und grundlegende menschliche Strukturen zu achten. Weisheitslehren werden weitergegeben und das Atmen wird gelernt. Meditationstechniken helfen frei zu werden von äußeren Zwängen und lassen eigene Kräfte (wieder) entdecken. Der negative Fall begegnet oft als Horrorgeschichte in den Medien: der Klient wird abhängig von der Sekte und aus seinen bisherigen sozialen Bezügen herausgelöst. Für ihn oder sie existiert nur noch die Sekte und ihr ideologisches Programm. Menschen werden für andere zu Führern, die unbegrenzte Macht ausüben und keine Privatsphäre mehr respektieren.

3.| Die Religionsgemeinschaft politisiert sich im Kampf um die Erhaltung der Glaubenssätze und ihre gesellschaftliche Durchsetzung und entwickelt sich zu einer fundamentalistischen Bewegung. Mit dem 11. September hat diese Variante die größte publizistische Bedeutung gewonnen. Ihrer vehementen Ablehnung in weiten Teilen der Welt korrespondiert ihre Ausbreitung in anderen. Fundamentalismus gibt es aber keineswegs nur im Islam. Im Judentum und im Protestantismus, insbesondere in den USA, finden sich fundamentalistische Strömungen, aber auch im Katholizismus oder im Hinduismus. Der Fundamentalismus will die (Welt-) Gesellschaft als Ganze (zurück) auf den richtigen Weg führen. Zum ersten Mal begegnet dieses Konzept im Protestantismus der USA zwischen 1910 und 1920. Die ‚fundamentals’, d.h. die biblischen Wahrheiten, galten als gefährdet, insbesondere durch die Evolutionstheorie und die Verwissenschaftlichung der Theologie. Zu diesen Fundamenten zählten und zählen:

1. die Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift bzw. der religiösen Lehre; 2. die Negation aller (wissenschaftlichen) Erkenntnisse, die der religiösen Lehre widersprechen; 3. die klare Unterscheidung zwischen Gläubigen und Abtrünnigen; 4. die Verpflichtung des Staates, sich in Recht, Erziehung und allen anderen gesellschaftlichen Handlungsfeldern nach der religiösen Lehre zu richten.

Dementsprechend protestiert der Fundamentalismus gegen den Zerfall der Sozial- und Sexualmoral und die Auflösung überkommener Lebensordnungen, insbesondere der Familie und der Überordnung des Mannes über die Frau. Er macht dafür die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Kräfte verantwortlich, die Zuwanderung und die freie Wissenschaft ebenso wie die Massenmedien, die Großkonzerne, den Materialismus und Konsumismus. Am Ende ist immer der Verlust der Religion die Ursache für den Zerfall der gottlos gewordenen Gesellschaft mit allen dazu gehörigen Symptomen. Einen Ausweg verspricht die Rückkehr zu klaren religiösen Lebensordnungen.

Unterstützt wird diese Bewegung von denjenigen, die sich von der Modernisierung und Globalisierung der Gesellschaft bedroht sehen: Es sind vor allem Mitglieder der Mittelschicht, die in den bisherigen Lebensverhältnissen einen stabilen und sicheren Platz gefunden hatten, diesen aber nicht in ihrer ökonomischen Position begründet sahen, sondern in ihrer Orientierung an bestimmten Werten und Normen. Diese Stellung steht nun in Frage durch den Druck der ökonomischen und technischen Rationalität, durch Emanzipationsbewegungen, Multikulturalität, Individualismus und Pluralismus. Die drohende Deregulierung des Zusammenlebens und ihre Ausrichtung an Marktkriterien lässt nach ihrer Ansicht eine wertorientierte gesellschaftliche Integration nicht mehr zu.

Der religiöse Fundamentalismus mag uns als inadäquate und unvernünftige Antwort auf Globalisierung und Modernisierung erscheinen. Für manche Menschen, etwa in der arabischen Welt, scheint aber keine andere Antwort in Sicht. Alle drei Wege sind als Reaktionen auf die Entwicklungen in der globalen Gesellschaft in gewisser Hinsicht plausibel. Allen eignet jedoch auch eine Beschränktheit. In dieser Spannung stellen sie an die Religionen die Frage, die Münch am Ende explizit an die christliche Religion richtet: „Können die Kirchen … einen Beitrag zur Bewältigung der Modernisierungsprobleme leisten?“ (Münch S. 252) Um eine Antwort darauf zu geben, ist zunächst das relative Recht der drei Wege festzuhalten:
a.| Das Evangelium richtet sich an Menschen mitten in ihrem Alltag. Die Kirche wird deshalb die Anliegen und Sorgen der Menschen ernstnehmen und sich nicht auf eine Gemeinschaft Gleichgesinnter reduzieren lassen. Sie wird trösten und helfen; sie wird der Gesellschaft Dienste leisten. Sie wird dies allerdings nicht durch die Anpassung an individuelle oder gesellschaftliche Erwartungen im Sinne eines Dienstleistungsunternehmens tun, das auf (kaufkräftige) Nachfrage reagiert, sondern den besonderen Charakter dieses Dienstes durchsichtig machen. In der evangelischen Dienstleistung sind stark und schwach anders verteilt, als es die globale Gesellschaft unterstellt, denn Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig. Es kommt zu einem „fröhlichen Wechsel zwischen Herr und Knecht“, der neues heilvolles Leben ermöglicht, durch den Lebensgeschichten gerechtfertigt werden, auch wenn wir in ihnen nichts entdecken, was der Liebe wert wäre.

b.| Die Seelsorge ist eines der wichtigsten kirchlichen Handlungsfelder. Menschen suchen Stärkung und Trost, wollen lernen, sich selbst besser anzunehmen und weise mit sich, ihrem Körper, ihren Angehörigen, ihrer Umwelt umzugehen. Verführt der Psychokult aber zum Rückzug ins Individuelle und Private und endet vielfach in einer Überlastung des einzelnen bzw. menschlicher Beziehungen, so verweist die Seelsorge der Kirche immer von sich weg auf Gottes freimachendes Handeln und auf seinen umfassenden Anspruch: „Jesus Christus herrscht als König“, Gott will Herr nicht nur über mich und meine Seele sein, die ganze Welt ist sein Reich.

c.| Für die Kirche ist es von entscheidender Bedeutung, sich ihrer Fundamente zu vergewissern und ihre Überzeugungen öffentlich zu Gehör zu bringen. An dieser Stelle ist das relative Recht des dritten von Münch beschriebenen Weges zu sehen. Beliebigkeit ist nicht die Alternative zum Fundamentalismus. Zum Glauben gehört es, Grenzen zu ziehen: Was macht unseren Glauben aus? Wer gehört zu uns? Wo hört für uns die Dialogfähigkeit auf? Was ist für uns noch ethisch vertretbar und was nicht? Aber die Antworten auf diese Fragen stehen nicht ein für alle mal fest und werden auch nicht von einer höchsten Glaubensinstanz festgelegt, sondern müssen immer wieder neu im Rückgriff auf die Tradition, vor allem die Bibel, im Gespräch mit der Gemeinde und im Angesicht der Welt gefunden werden. Hier liegt der fundamentale Unterschied zum Fundamentalismus. Für die evangelische Kirche sind die Freiheit der Christenmenschen und die Gewaltfreiheit in Glaubensfragen unaufgebbare Kernsätze. Es ist ein evangelisches, das heißt frei machendes Fundament, auf dem wir stehen. Von ihm aus gestalten Christinnen und Christen die Kirche und die Welt. Gibt es also einen vierten Weg, der die von Münch beschriebenen Entwicklungen aufnimmt, sie aber in ein neues Licht rückt?

Wer Orientierung sucht, muss innehalten können. Bevor Jesus mit seinem Tun und Reden beginnt, geht er in die Wüste. Bevor er ans Kreuz geht, betet er im Garten Gethsemane. Die Beispiele ließen sich vermehren. Nicht nur die biblischen, nicht nur die christlichen. - Wer Orientierung sucht, muss innehalten können. Wer handlungsfähig werden will, muss – so paradox das klingt - aufhören können zu handeln. Um nachzudenken, damit er oder sie den richtigen Weg findet; um Kraft zu bekommen für das, was vor ihm oder ihr liegt; um sich des Grundes bewusst zu werden, der jedes Leben trägt. Wer sein Handeln bewusst unterbrechen kann, weiß um die Grenze seiner Möglichkeiten und kann sie in sein Leben integrieren. Wer unterbrechen kann, weiß und erfährt: ich bin Mensch und nicht Gott. Nur wer um diese Differenz weiß, wird fähig, vernünftig zu handeln. Deshalb ist die Aufgabe der Kirche, Räume und Zeiten verantwortlich zu gestalten, in denen es zu einer solchen Unterbrechung kommen kann, und Menschen in die Kunst einzuüben innezuhalten.

Zwei Aspekte sind dabei besonders zu beachten: Der Aspekt der Ruhe, der Muße und der Feier, biblisch gesagt des Sabbats, und der des Widerstands, des Aufbrechens, biblisch gesagt des Exodus. - Die Kirche weist die Welt auf den Weg des Sabbats. Der Mensch lebt nicht aus seiner eigenen Kraft; niemand von uns kann sich selbst begründen; niemand kann so viel arbeiten, dass er am Ende sagen kann: (Lukas 12, 19) „Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!“ Wir leben aus Gottes Gnade, wir leben geborgen in seiner Hand. Jeden Sonntag feiern wir, dass er uns das Leben schenkt. Und freuen uns damit auf den Sabbat am Ende aller Tage, an dem wir in seinem Reich Ruhe finden werden.

Bei der Einübung in die Kunst des Innehaltens wird es deshalb darum gehen, Stille, Schweigen und Konzentration zu ermöglichen. Dass Menschen lernen, den Ruf der Glocke um zwölf Uhr zu hören. Als Gelegenheit zu sich selbst zu kommen, oder besser zu dem, wie mich Gott sieht. Dass das, was normalerweise jetzt keine Zeit hat, aber Zeit bräuchte, seinen Ort und seine Zeit findet. Aus solchem Innehalten erwächst Spiritualität – und Spiritualität ist Kraft, Kraft, aus der wir leben, mit der wir verantwortungsvoll arbeiten können. Ich könnte als Beleg für die Existenz dieser Kraft auf neue Konzepte verweisen, die Großbetriebe auffordern, ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern täglich kleine, unstrukturierte Pausen zu ermöglichen, weil diese die Kreativität steigern und die Produktivität erhöhen. Doch es geht gerade nicht darum, dass auch noch diese Unterbrechung unserer betriebs- oder volkswirtschaftlichen Logik nützlich ist. Vielmehr zeigt sich die Kunst des Innehaltens gerade darin, dass wir in seinem Machtbereich nichts zu tun haben, nichts außer zu klagen und zu loben.

Damit bin ich bei dem zweiten Aspekt, dem Exodus. Die Unterbrechung hat eine Richtung. Sie unterbricht die herrschende Logik. Sie hält die knapp kalkulierte, vernutzte Zeit an. Sie bringt die genau durchdachte Planung des Arbeitsablaufs durcheinander. Weil sie der Zeit Gottes Raum gibt. Jedes Innehalten ist ein kleiner Auszug aus den Zwängen eines durchkalkulierten Lebens. Ein kleines Widerstehen, ein sichtbares Zeichen: das Leben ist eigentlich kein Kampf; es ist Empfangen!

Spiritualität, die Kraft im Machtbereich Gottes zu leben, kann nur wachsen, wenn dies eingeübt wird. Wenn es Formen gibt, an denen sich Menschen orientieren können. Niemand ist in der Lage, allein die alltägliche Logik des Funktionierens und Leistens zu unterbrechen. Deshalb sind gemeinsame Wege so wichtig; deshalb ist es entscheidend, dass Kirchen das Innehalten einüben, in Bildungsprozessen, in der Liturgie, im öffentlichen Handeln. Dies ist die ureigenste Aufgabe kirchlichen Handelns in der globalen Gesellschaft. Die Kirche eröffnet Menschen damit Wege, zu sich selbst, zu einander und zu Gott. Sie stärkt und tröstet sie in individuellen wie in gesellschaftlichen Krisen. Sie unterbricht die Erfahrungen der Hoffnungslosigkeit und öffnet Türen in den gesellschaftlichen und geschichtlichen Zwängen, die den Alltag für viele Menschen gegenwärtig aussichtslos erscheinen lassen.

[Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh ist Direktor des Predigerseminars der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck in Hofgeismar.]

Diese Artikel sind erschienen in: AUFSCHLÜSSE Zeit - Schrift für spirituelle Impulse, Ausgabe 11 - Dez. 2003, herausgegeben von der GRUPPE 153 | Ev. Luth. Missionsdienst e. V., 30989 Gehrden, Tel.: 0 51 08 / 91 85 55