"MEIN NACHBAR, DER FEIND" RELIGIÖS-POLITISCHE HINTERGRÜNDE ZUM ISRAELISCH-PALÄSTINENSISCHEN KONFLIKT von Andreas Götze
Was spielt sich ab im Nahen Osten? Welches sind die Hintergründe des politischen Konfliktes zwischen Israelis und Arabern, des religiösen zwischen Juden, Christen und Muslimen? Diese Frage steht im Mittelpunkt des folgenden Beitrags, der in den kommenden Ausgaben von Aufschlüsse fortgesetzt wird.
Als Reiseleiter war ich gerne mit Reisegruppen in Israel / Palästina. (Als Einordnung hat sich im politischen und völkerrechtlichen Sinne des Begriffs folgende Sprachregelung bewährt: spricht man von „Palästina“, meint man die vom Staat Israel seit 1967 besetzten Gebiete ohne die Golanhöhen; spricht man von „Israel“ oder vom „Staat Israel“, meint man das Staatsgebiet aus der Zeit vor dem Krieg 1967).
„Das Land und die Ressourcen teilen und eine Zwei-Staaten-Lösung anstreben“ war in Diskussionen zum Nah-Ost-Konflikt nicht selten zu hören – nach Begegnungen mit Menschen aus beiden Völkern ein verständlicher, wenngleich naiver Wunsch, denn er berücksichtigte nicht die besonderen religiösen Hintergründe der jeweiligen Selbstverständnisse der beiden Völker.
a.| Wirkungen tradierter religiöser Texte in Konfliktsituationen. Mit Selbstverständnis meine ich die Frage nach individueller und kollektiver Identität: „Wer bin ich? Wer sind wir – in einer bestimmten Region?“ Im Konfliktfall stellen sich diese Fragen noch einmal in verschärfter Weise. Die unterschiedlichen Selbstwahrnehmungen sind dabei durch Bilder und Vorstellungen geformt, die bereits über Jahrhunderte die Völker geprägt haben und weiter überliefert nun die nächste Generation mitprägen. Jede Gesellschaft verfügt über einen je eigenen Bestand an Texten, Bildern, Riten (kulturellen Überlieferungen, Traditionen), die das Selbstbild pflegen und stabilisieren und so helfen, sich ihrer Identität nach innen zu vergewissern und sich nach außen hin abzugrenzen. Symbole solcher kollektiven Identitätsbildung sind etwa eine Nationalhymne, eine Flagge, oft auch ein Territorium und Heilige Schriften.
Nun sind im Nahen Osten und speziell in Israel / Palästina die Ansprüche auf heiliges Land und die Forderungen nach souveräner Eigenstaatlichkeit unentwirrbar verbunden mit den Lehren in den verschiedenen heiligen Texten von Koran und Tenach (den fünf Büchern Mose). Genauer: tief in der Geschichte eines Volkes eingebundene und immer wieder aufs Neue tradierte religiöse Texte und deren Auslegungen entfalten ihre Wirkung, üben ihren Einfluss auf gesellschaftliche Prozesse aus und haben in diesem Sinn oft erhebliche politische Auswirkungen. Die religiösen Traditionen prägen kollektive Gedächtnisse und haben dabei die Funktion, die eigene Position gegenüber der anderen zu legitimieren, deren legitime Rechte man bestreiten will. Es ist wichtig, solche religiösen Hintergründe des jeweiligen Selbstverständnisses aufzuzeigen, um sich der politischen Dimension bei der Tradierung religiöser Grundtexte bewusster zu werden. Nur so kann man sich vor naivem Gebrauch schützen, was besonders in einem Konfliktfall von höchster Bedeutung ist.
Der Begriff Konflikt bezeichnet dabei einen Gegensatz zwischen Ideen, Werten, Interessen, Absichten oder Handlungen, der sich im Innern einer Person, zwischen Personen oder sozialen Gruppen, zwischen Staaten oder Bündnissystemen abspielen kann. Um einen Konflikt zu verstehen, genügt es daher nicht, sich allein mit den äußeren politischen Faktoren zu befassen. Es ist wesentlich, auf die hinter bestimmten politischen Aktionen steckenden Hintergründe zu blicken. Die verschiedenen Aspekte der eigenen Selbstwahrnehmung bestimmen die Haltung in einem Konfliktfall entscheidend mit.
Darüber hinaus sind kollektive Gedächtnisse einer Gemeinschaft oder eines Volkes eine konfliktrelevante Wirklichkeit, gerade wenn sie sich auf eine jahrhundertelange Geschichte beziehen. So sind die an einem Konflikt beteiligten Gruppen nach ihrer je eigenen Leidensgeschichte mit ihren Verletzungen und Enttäuschungen zu befragen. Denn zum Konflikt gehört seine zeitliche Struktur: Er verdankt seine Dynamik sehr häufig einer Vorgeschichte, die jenseits all seiner manifesten Gestalten liegt. Man versperrt sich den Zugang zu seinem Verständnis, wenn man solche Vorgeschichten verdrängt. Tief im kollektiven Gedächtnis eingegraben, können solche Verletzungen und Enttäuschungen die Bereitschaft zu gewalttätigem Handeln wecken - besonders dann, wenn der Konflikt zugespitzt als Bedrohung eigener Identität erfahren wird.
Wenn die eigene Identität bedroht scheint, geht es im wahrsten Sinne des Wortes um etwas Lebensbedrohliches. Das erklärt auch die Heftigkeit, mit der auf diese Bedrohung reagiert wird. Wird dann die Bedrohung als absolut erlebt, dann können auch die Mittel, zu denen man greift, absolut sein: Konfliktpotential und Gewaltherrschaft steigen sprunghaft an.
b.| Tradierte religiöse Texte als Legitimationsgrund. Für jede Religion stellt es dabei eine Gefahr dar, wenn ihre tradierten Texte und Symbole politisch benutzt sich in eine Ideologie verwandeln. Das geschieht, wenn ein politisches Zentrum vorhandene religiöse Überzeugungen dazu nutzt, eigene politische Zielsetzungen durchzusetzen und als „letzte Wahrheiten“ abzusichern. Unter einem politischen Zentrum verstehe ich dabei die herrschende(n) Partei(en), die einen Staat, eine Volksgruppe regiert bzw. regieren. Das politische Zentrum kann eine religiöse Autorität sein oder sich säkular begründen. Wenn sich solch ein politisches Zentrum die Religion für eigene Zwecke nutzbar macht, hat dies in der Geschichte (nicht nur des Nahen Ostens) zu einer Verschärfung von Konflikten geführt: Religion wird dann zu einem politischen Machtwerkzeug, wenn die eigene Position mit Hilfe der Religion begründet und legitimiert wird. Damit ist die eigene politische Überzeugung exklusiv überhöht und damit ein Teil eines „göttlichen Plans“ und somit letztlich unangreifbar.
In diesem Beitrag gehe ich den Hintergründen im muslimischen Selbstverständnis nach, in der nächsten Ausgabe von Aufschlüsse denen im jüdischen Selbstverständnis. Um Missverständnissen vorzubeugen: Im Folgenden geht es dabei um die mehrheitlich prägenden Überzeugungen und Traditionen und deren Einflüsse auf das muslimisch-palästinensische und das jüdisch-israelische Selbstverständnis, ohne damit eine Meinungspluralität in der arabischen Welt bzw. im Staat Israel und in der jüdischen Diaspora bestreiten zu wollen. Es geht um die Aufnahme von tief in einem Volk wurzelnden religiösen Vorstellungen in die alltägliche Politik. In einem dritten Beitrag soll dann das Spannungsverhältnis zwischen dem westlich-christlichen und dem christlich-palästinen-sischen Selbstverständnis zur Sprache kommen.
Zwischen Hingabe und Allahs Schwert – der Islam im Nahen und Mittleren Osten 1.| Die Anfänge. Um das muslimische Selbstverständnis gegenüber dem Judentum zu verstehen, ist ein Blick auf die Anfänge des Islam nötig. Als Mohammeds Wirken in der Wüstenstadt Mekka beginnt (610 unserer Zeitrechnung), ist Arabien im Einflussbereich vielfältiger religiöser Strömungen. Es gibt altarabische Religionen, zumeist polytheistisch, aber auf dem Weg zum Monotheismus; deren Kultstätte war die Ka´aba, deren Hochgott Allah, dem sich die anderen Götter fürsprechend zuwenden. (Allah ist dabei das arabische Wort für Gott, mit dem auch die Christen Gott anrufen). Gleichzeitig genügt man sich selbst in der streng nach Stammeszugehörigkeit hierarchisch aufgebauten Gesellschaft. Ein Dichter damaliger Zeit bringt sein Selbstbild so auf den Punkt: „Ich bin Labid – und das ist mein Ziel“.
In dieser religiös unübersichtlichen und aufgeladenen Zeit reist Mohammed als Kaufmann und Karawanenführer auf der arabischen Halbinsel und lernt die Religionen kennen. Ihm werden eine Reihe von Offenbarungen zuteil, und er tritt als Warner, als Prophet auf (vgl. im Koran die älteste Sure 96 – Suren sind der Länge nach geordnet, nicht zeitlich). Er formuliert das Zentrum des Islam: sich ganz hingeben an den einen Gott, den Schöpfer. Dies beinhaltet für ihn eine zuteilende Gerechtigkeit, Almosenpflicht gegenüber den Armen, die Überzeugung eines Jüngsten Gerichts und den Ruf zur Umkehr. Nur Gehorsam gegenüber Gott bringt Rettung. Mohammed sieht sich als Vollender. Es ist leicht nachvollziehbar, dass er mit dieser Botschaft im Widerspruch zum Lebensgefühl seiner Zeit steht. Seine Botschaft bedroht vor allem die mekkanische Elite und ihre Einkünfte durch die Ka´aba-Pilgerstätte.
Aufgrund der für ihn immer bedrohlicher werdenden Lage in Mekka zieht Mohammed mit seinen Anhängern nach Jathrib (später Medina = „Stadt des Propheten“) im Jahre 622, dem Beginn der islamischen Zeitrechnung. In Jathrib / Medina gelingt es Mohammed, die dort lebenden zerstrittenen Stämme zu versöhnen (nach muslimischem Selbstverständnis ist dies die erste „umma“, d.h. die sich auf den Islam berufene geeinte Gemeinschaft anstelle des Stammes, der Sippe), indem er eine für alle verbindliche Gemeindeordnung aufstellt. Zentrum wird der Glaube an den einen Gott mit der Praxis des öffentlichen Gebets (gelernt von syrisch-orthodoxen Mönchen).
Durch verschiedene Angriffe auf mekkanische Karawanen und abgefallene Beduinenstämme gelingt ihm, auch aufgrund der politischen Zerstrittenheit, die Rückkehr in die Stadt Mekka, die ihm praktisch kampflos zufällt (630). Er reinigt die Ka´aba von „Götzenbildern“ und nimmt in die junge Religion den urarabischen Kultort auf, bei dem sich die ganze arabische Welt eingliedern kann (was auch geschieht). Als er 632 stirbt, ist er der mächtigste Mann Arabiens.
2.| Mohammeds Verhältnis zu den Juden. Mohammed lernte Judentum (und Christentum) durchs Hörensagen auf seinen Reisen kennen. Zunächst war er überzeugt, er verkünde denselben Glauben wie Juden und Christen (Gott ist einzig, er ist der Schöpfer, Gericht und Heil). Er hoffte, sie würden ihn als Propheten Gottes für die Araber anerkennen. Von daher wird Mohammeds anfängliche Anlehnung an jüdische (und christliche) Frömmigkeitsbräuche wie Gebetspraxis, Gebetsausrichtung, Sabbatruhe und Fastengewohnheiten verständlich.
In der Anfangszeit in Mekka, in der seine Anhänger viel Widerstand erfahren, nimmt Mohammed die Traditionen und Geschichten der Juden als Kronzeuge für seine eigenen Überzeugungen, verändert sie allerdings nach eigenem Interesse, d.h. Richtschnur und Kriterium ist die Offenbarung des Korans. Drei Themen waren für ihn von Interesse: * die Offenbarung des Gottes Israels (gegen alle Götzenbilder) * der Auftrag der prophetischen Verkündigung (wie Abraham, Noah, Mose) * Gottes Gericht über die Ungläubigen (auch über Völker, nicht nur über einzelne Sünder)
Als Mohammed nach 622 in Medina zur Schaffung der neuen politischen Einheit eine Gemeindeordnung entwickelt, erwartet er die Unterstützung der jüdischen Stämme, die in Medina gemessen nach Anzahl, Bodenbesitz und Reichtum ein nicht zu übersehender Machtfaktor waren. Die Gemeindeordnung hatte dabei nicht zum Ziel, Islam und Judentum zu einer monotheistischen Religion zu machen, sondern war ein Hilfsangebot an diejenigen Juden, die bereit waren, sich in militärischen, politischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten der Gemeinde Mohammeds anzuschließen. Dabei wurde ihr eigenständiger Glaube respektiert bei gleichzeitiger Verpflichtung, Mohammed finanziell zu unterstützen (das ist die Grundlage des späteren Dhimmi-Systems in islamischen Ländern, noch heute an den verschiedenen Vierteln in der Jerusalemer Altstadt abzulesen).
Die jüdischen Stämme haben die neue Gemeindeordnung nicht unterschrieben, die für sie kein Vertrag war, sondern einem Edikt gleichkam. Entscheidend war die Weigerung der Juden, Mohammed als Propheten in der Tradition des Judentums anzuerkennen. Denn nach jüdischer Tradition strebt ein Prophet nicht nach politischer Herrschaft wie es Mohammed tat. Zudem lag aufgrund der vielen messianischen Hoffnungen und Enttäuschungen in der jüdischen Geschichte die Betonung mehr auf dem Studium und der Befolgung von Thora und Talmud als auf der Prophetie.
Die anfängliche Anlehnung an die jüdischen Traditionen schlägt nun in ihr Gegenteil um. Mohammed distanziert sich von den Juden durch Neu- bzw. Uminterpretationen früherer Aussagen: * Veränderung der Gebetsrichtung von Jerusalem zur Ka´aba nach Mekka * Den Fastengewohnheiten wird der jüdische Sinn genommen und eine islamische Motivation gegeben (vgl. die Veränderung von Sure 2,183 zu 2,185). * In den mekkanischen Suren ist Abraham vor allem ein Gesandter, der sein Volk wie andere Propheten vor dem Götzendienst (der Vielgötterei) warnen muss (Sure 37,83ff; 6,74ff u.a.). In der Zeit in Medina kommt es dann zur ausdrücklichen Unterscheidung (Sure 3,67): „Abraham war weder Jude noch Christ, er war chanif und muslim, und er gehörte nicht zu denen, die Gott Götzen beigesellen“. * Die Religion Abrahams ist noch nicht ausdrücklich mit der Ka´aba in Mekka in Verbindung gebracht. In der Zeit in Medina wird dies zentraler Bestandteil der Verkündigung (Sure 3, 95f).
Die islamische Anklage steht in der Perspektive der Botschaft des Koran: Gegen alles bessere Wissen hätten die Juden nicht wahrhaben wollen, dass Mohammed der angekündigte Prophet sei, der ihnen in der Thora beschrieben worden ist. Daraus resultiert schließlich der Vorwurf, der zur islamischen Lehre geworden ist: „Die Juden haben die Schrift verfälscht“ (Sure 2,75ff; 4,46ff).
Damit war der Bruch zwischen Mohammed und seinen jüdischen Zeitgenossen endgültig besiegelt: sie werden aus der Gemeinschaft des Islam ausgeschlossen (Sure 3,118; 5,51). In Medina wurde der eine jüdische Stamm vertrieben (die Banu Nadir), der andere zum Teil hingerichtet (die Banu Qurayza: Sure 33,25-27 reflektiert das Ereignis). Nun waren nicht länger die Juden das geschichtliche Zentrum der Offenbarungsreligion, sondern Mekka. Damit hat die Arabisierung und auch die Verselbständigung des Islam begonnen – ein Prozess, der mit dem Namen Abraham verknüpft ist: er ist der erste „Muslim“, also einer, der sich Gott ganz hingibt (von hier aus wäre noch einmal die Rede von Abraham als „Stammvater der drei monotheistischen Religionen“ kritisch zu prüfen).
Die durch die Erfahrung Mohammeds hervorgerufenen Aussagen des Korans über die Juden (und in ihrem Gefolge über die Christen) wurden durch das Dogma, der Koran offenbare letztgültig den Willen Gottes, zu einer höheren, absoluten Dimension erhoben. So wurde aus einer zeit- und ortsgebundenen Auseinandersetzung mit einem winzigen Teil des Judentums durch das Dogma vom ungeschaffenen, ewigen Koran eine wahre und immer gültige Offenbarung, die für das muslimische Selbstverständnis bis zum heutigen Tag prägend ist.
Drei große Identitätskrisen…. Für das muslimische Selbstverständnis gilt die Zeit Mohammeds als „ideale Gesellschaft“, in der die für den Islam konstitutive Einheit von Sprache, Sitte, Religion, Geschichte und Kultur – kurz: die klassisch gewordene Einheit aus Religion und staatlich-politischem Gesellschaftssystem (din wa-dawla) Wirklichkeit gewesen sei. Dabei versteht sich der Islam grundsätzlich als eine integrale Lebensform und kennt keine Trennung zwischen Weltlichem und Geistlichem. Das ist auch der Grund, warum der Islam bis heute in den meisten muslimischen Ländern noch immer das grundlegende Kriterium für das Selbstverständnis und die Gruppenidentität bildet (westliches Selbstverständnis orientiert sich stärker an Vorstellungen wie „Nation“ und „Vaterland“ und deren vielfältigen Untersparten). Damit ist aber auch verständlich, dass die Spaltung in zwei Hauptrichtungen (die sunnitische Mehrheit und die schiitische Minderheit mit entsprechenden unterschiedlichen Ausprägungen in Rechtsschulen) durch den Nachfolgestreit nach dem Tode Mohammeds als die erste große Identitätskrise im islamischen Selbstverständnis von der einen „umma“ angesehen wird.
In der Frühzeit schien es keinen Grund zu geben, an der Ausdehnung des Islam über alle Welt zu zweifeln. Der Islam war erfolgreich: Die arabisch-muslimischen Armeen hatten die beiden größten Reiche der damaligen Zeit - Persien und Byzanz - besiegt. Im frühen 9. Jahrhundert jedoch wurde deutlich, dass die Erfüllung dieser Aufgabe nicht unmittelbar bevorstand. Und so wurde sie in der Volksreligion wie in Legenden auf eine ferne, ja sogar messianische Zukunft (bei den Schiiten) verschoben (zweite große Identitätskrise).
Ab dem 12. Jahrhundert stagnierte die Entwicklung im Islam. Die Handelswege führten nicht mehr durch den Vorderen Orient. Der Islam verkam so oftmals zum Deckmantel skrupelloser Diktatoren. Das Selbstverständnis orientierte sich an der Shari´a, dem heiligen Gesetz, der es galt, nachzuleben. Man musste (und durfte) nicht mehr weiterdenken, weiterentwickeln: eine islamische „Ortho-doxie“ suchte in der „Bewahrung“ dieser dritten großen Identitätskrise zu begegnen, die aber vielen gar nicht bewusst war (im 8. Jahrhundert „saßen die Germanen noch auf den Bäumen“, während der islamische Vordere Orient Wissenschaft und Kunst, Medizin und vieles mehr entwickelte und wahrhaft fortschrittlich war).
Wie extrem der Stillstand über Jahrhunderte gewesen ist, wurde der Mehrzahl der Muslime erst wieder im 19. Jahrhundert bewusst und führte zum Erkennen dieser jahrhundertealten Identitätskrise. Nichts symbolisiert das Gefühl der Ohnmacht der Muslime mehr als der Ägyptenfeldzug Napoleons 1798. Mit erstaunlicher Leichtigkeit schlug er die Heere der Mamelucken in die Flucht. Die Kolonialmächte (Großbritannien, Frankreich) schnitten sich aus dem islamischen Einzugsbereich Stück um Stück heraus. Die Muslime, Erben einer großen Kultur mit der vollendeten Religion, mussten erkennen, dass Fortschritt von Nichtmuslimen diktiert wird: ein Schock für das eigene Selbstverständnis (vgl. Sure 3,110: „Ihr Gläubigen seid die beste Gemeinschaft, die unter den Menschen entstanden ist“). Die „Schriftbesitzer“ (ahl al-kitab), die nach dem Zeugnis des Koran vom Islam zurückgedrängt worden waren, waren in der Gestalt der Kolonialmächte zurückgekommen und übernahmen die politische Macht im islamischen Kernland.
… und die Versuche, sie zu überwinden Es sind seitdem verschiedene Versuche erkennbar, den Traumatisierungen im muslimischen Selbstverständnis zu begegnen und ein neues Selbstbewusstsein in der muslimischen Welt des Nahen und Mittleren Ostens zu etablieren. Die europäische Kolonisierung sowie die Staatsgründung Israels stellten das Selbstverständnis, zur „überlegenen Religion“ zu gehören, existentiell in Frage. Was bedeutet es, wenn die überlegene Religion (Islam) nicht mehr automatisch die politische Herrschaft ausübt? Dass eine muslimische Bevölkerung in die Lage kommen könnte, Untertanen eines nichtmuslimischen Herrschers zu sein, ist ein weitgehend unbekanntes, unvorstellbares und daher auch in der islamischen Theologie nicht erörtertes Phänomen.
Die Lösung lag zunächst im Aufgreifen säkularer nationalstaatlicher Ideen (vgl. Baath-Partei in Syrien und im Irak, die PLO-Charta). Als Grundlage kollektiver Identität wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts der arabische Nationalismus populär, der auf politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit zielte. Er grenzte sich in seiner Defensiv-Kultur nicht nur von der militanten Aggressivität der Kolonialmächte ab, sondern betrachtete auch die jüdische Einwanderung nach Palästina (und damit den Zionismus) als Bedrohung. Nach innen mündete er in Planwirtschaft und Unterdrückung jeglicher Opposition unter der Prämisse von Einheit und Geschlossenheit. Doch der Nationalismus als „Errungenschaften des Westens“ war nur von einer dünnen Oberschicht westlich Gebildeter weitgehend übernommen worden, hatte aber die Massen nicht erreicht, die zudem weiter in Armut und ohne Anteil am versprochenen Fortschritt leben mussten.
Der sozialistische Weg ab den fünfziger Jahren schien eine Alternative zu sein, zumal das Wort „Sozialismus“ ins Arabische mit „ishtirakiyya“ übersetzt wurde, was auf Partizipation und brüderliches Teilen abzielt. Wirtschaftliche Misserfolge und der Wegfall des Ostblocks ließen diese Alternative im kollektiven Selbstverständnis scheitern.
Angesichts dieser Negativentwicklungen richteten sich viele Hoffnungen auf das Reformpotential der eigenen Tradition: des Islam. Das Scheitern der westlichen Ideologien (Nationalismus und Sozialismus) wurde für das islamische Selbstverständnis durch die militärischen Niederlagen gegen den Staat Israel deutlich sichtbar - besonders nach der national-religiösen Wende im Staat Israel nach 1967 und der Besetzung der „Heiligen Stätten“ in Jerusalem bei gleichzeitiger Hilflosigkeit der eigenen Regierungen, die als „unislamisch“ angesehen wurden.
Antisemitische Tendenzen als Band kollektiver Identität. So verstärkten sich die immer schon vorhandenen Tendenzen zu einer erneuten Politisierung des Islam (Algerien, Iran, Muslimbrüder in Ägypten, Hamas in Palästina). In der (durchaus richtigen!) Überzeugung, dass die meisten der Probleme im eigenen Land von außen in die islamische Welt hineingekommen sind, sollte die Rückbesinnung auf den Islam als „den Lösungsweg“ Abhilfe schaffen gegenüber diesen Fehlentwicklungen.
Anknüpfend an Mohammeds Verhältnis zu den Juden spielte dabei ein latent vorhandener Antisemitismus in der arabischen Welt auch innerhalb der säkularen Ideologien wie Nationalismus und Sozialismus eine nicht unerhebliche Rolle. Im israelisch-palästinen-sischen Konflikt haben sich auch aufgrund des verstärkten Gefühls, in der eigenen Identität bedroht zu sein, die alten Muster aus der Anfangszeit des Islam im Alltagsbewusstsein weiter ausgeprägt. So verkündigte die Hamas-Charta von 1988, dass „die Juden“ nicht nur für den Nah-Ost-Konflikt, sondern auch für den ersten und zweiten Weltkrieg verantwortlich seien. Die UN wird zudem als Instrument jüdischer Weltherrschaftpläne „entlarvt“. Als Beweis für derartige Pläne dienen die „Protokolle der Weisen von Zion“, eine dezidiert antisemitische Hetzschrift. Der Palästinakonflikt trägt mit dem Feindbild „Israel“ als Symbol für den „äußeren, westlichen Feind“, durch den man von inneren Krisenphänomenen ablenken kann, entscheidend zur inneren Stabilität der arabischen Regime in der Region bei.
Es ist schon an dieser Stelle deutlich: Die Frage kollektiver Identität (wer sind wir – in Bezug bzw. in Abgrenzung zu den anderen?) ist im Nahen Osten nie ohne die Beziehung von Religion und Politik beantwortet worden. Die Zunahme eines religiös-nationalen Selbstverständnisses auf beiden Seiten führte zur Verschärfung des Palästina-Konfliktes. Den politischen Machtverlust in Spanien und auf dem Balkan, wo islamische Gemeinden leben, hat der Islam verkraften können. Anders ist es, wenn es um das Kernland des Islam geht. Auf diese Herausforderung war der Islam nie vorbereitet. Sich damit auseinandersetzen zu müssen, wird ein langer und schmerzlicher Prozess. Ob eine Neukonzeption des über Jahrzehnte geprägten kollektiven muslimischen Selbstverständnisses gelingt, hängt auch von einer grundsätzlichen Neuorientierung im jüdisch-israelischen Selbstverständnis ab, welches ebenfalls in den zurückliegenden Jahrzehnten Religion zur Legitimierung eigener Machtinteressen benutzt hat (inklusive expansiver Siedlungspolitik nach völkerrechtswidrigen Landenteignungen). Darüber wird im 2. Teil zu reden sein.
[Andreas Goetze ist Pfarrer in Rodgau-Jügesheim. und im Islam Arbeitskreis der Ev. Kirchen Hessen und Naussau tätig. (EKHN)
Diese Artikel sind erschienen in: AUFSCHLÜSSE Zeit - Schrift für spirituelle Impulse, Ausgabe 11 - Dez. 2003, herausgegeben von der GRUPPE 153 | Ev. Luth. Missionsdienst e. V., 30989 Gehrden, Tel.: 0 51 08 / 91 85 55 |